Privately EP

Ich mag ja Überraschungen. Mal überrasche ich andere, mal mich selbst, und selten schaffe ich sogar beides gleichzeitig. Dieses mal hat es ganz einfach geklappt: Ich musste nur 20 Jahre an Sounds basteln, um „mal eben“ eine EP rauszuhauen. Klingt schon wieder, als könnte ich da jetzt einen kleinen Roman zu schreiben, werde ich auch, allerdings gibt es dieses mal eine Kurz- und eine Langfassung.

Die Kurzfassung: Hallo, ich habe Musik gemacht! Einfach hier lauschen und bei Gefallen genießen, fertig.

Reicht noch nicht? Wunderbar, dann folgt jetzt für alle Interessierten die Langfassung mit ein wenig Hintergrund, generell zum dem, was ich da schon so lange treibe, zu dieser EP, den einzelnen Songs und dem wie-wo-was.

Die Alte Zeit: Vom Piano in die Langeweile
Meine eigene Reise in die Welt der Musik fängt tatsächlich erstaunlich früh an: Mit 5 Jahren saß ich am Klavier. Der Ausflug dauerte allerdings nicht lange, da ich mit 7 Jahren bereits wieder aufhörte. Fluch und Segen gleichermaßen: Hatte einen tollen Musiklehrer (an den ich mich tatsächlich bis heute gut erinnern kann), der wurde jedoch langfristig krank, die Vertretung dachte sich „Ach, so ein kleiner Junge, machen wir mal was einfaches“ – ja, und ich saß da, zwei Jahre Unterricht hinter mir, beidhändig Mozart und Co drauf und dann drücken wir jetzt mal zwei Stunden drei Tasten? Ein wunderbares Beispiel, wie man Kinder massiv unterfordert, damit deren Desinteresse massiv fördert und Muttern zum Glück der Meinung war: „Wenn der Junge nicht mehr will, dann zwingen wir ihn nicht.“ Auch, wenn ich tatsächlich Dinge wie Noten lesen erfolgreich vergessen habe – die basics waren platziert.

Die Anfänge: Music Creation for PlayStation
Ungefähr tausend Jahre später kriegte ich eine kleine, unauffällige Disc in die Finger und warf sie in die PlayStation. Ein herrlicher Fehler, weil man mich die folgenden Wochen quasi nicht mehr zu sehen bekam. Ich entdeckte „Music Creation for PlayStation“ für mich, ein erstaunlich taugliches und flexibles Musikprogramm – nur halt eben für die PlayStation. Dementsprechend mit einigen Limitierungen, wie beispielsweise der natürlich mangelnde Export – wo am Pc fröhlich die MP3 hin und her verteilt wurden, blieb hier nur die direkte Aufnahme vom Tv oder in meinem damaligen Fall der Line-In über die Anlage zum Pc. Was ich zwar nutzte, aber nun, ich denke, ich überlasse das jetzt mal eurer Vorstellungskraft, wie gut das Ganze hinhaut.

Unvergessen ein Dialog mit einem damaligen Freund, der eine frühe Version von Fruity Loops an seinem Rechner nutzte: „Was, du hast nur 16 Spuren?! Ich habe 200!!“ Auf mein „Prima – dann mach mal’n Song mit 16“ kam dann allerdings nichts mehr. Limitierungen sind nicht zwangsläufig schlecht, lehrten sie mich doch, innerhalb eben jener zu arbeiten und trotzdem taugliche Ergebnisse zu erhalten. Ein erstaunlicher Antrieb für die eigene Kreativität.

Danach folgte ein kurzer Ausflug mit „Music 2000“, welches auch heute noch von vielen aufgrund seiner deutlich umfangreicheren Möglichkeiten geschätzt wird. Tatsächlich habe ich selbst vor Kurzem erst erfahren, dass damit sogar eigene Samples (auf der PlayStation 1!) genutzt werden können für die Musikproduktion, indem man einfach eine beliebige Audio-CD in die Konsole wirft und das interne Tool nutzt, um daraus kleine Schnipsel zu schneiden. Verrückt, wie kreativ das damals schon war!

Die meiste Zeit ging dann für mich jedoch direkt mit dem Nachfolger drauf: Hierzulande mit dem Branding „MTV Music Generator 2“ veröffentlicht, hieß das Ding in den USA schlicht „Music 3000“, lief auf der PlayStation 2 und brachte wieder einen Stapel frischer Tools und Ideen. Ewig war es mein Plan, mir das Sample-Tool zuzulegen: Tatsächlich gab es für eben jenes Programm ein eigens entworfenes USB-Zubehör, welches, sobald an der PlayStation angeschlossen, wahlweise über ein Line-In eigene Samples oder über ein integriertes Mikrofon sogar direkt Voice-Aufnahmen ermöglichte. Letzten Endes bleib es bei der Idee, dafür liegen hier bis heute 3 volle Memory Cards rum: Eine voll mit „fertigen“ Songs, zwei randvoll mit „Concepts“.

Die Anführungsstriche im letzten Satz kamen jetzt nicht von ungefähr: „Fertig“. Nichts ist jemals so „fertig“ gewesen, dass ich das irgendwo hätte veröffentlichen wollen. Ich selbst hätte mich zu der Zeit ohnehin weniger als „Musiker“ bezeichnet, ich verstand mich stattdessen als jemand, der schlicht gerne an Sounds bastelt. Was übrigens bis heute zutrifft und vermutlich auch einfach daran liegt, dass ich mich selbst ungerne im Mainstream sehe und auch nicht die nächste Krone im Pop-Olymp erreichen mag, ich mache einfach nur gerne mein eigenes Ding.

Portable Legenden: Korg Synthesizer
So langsam kommen wir dann mal zum „jetzt“, doch dazwischen muss noch erwähnt werden: Der Nintendo DS bzw. Nintendo 3DS wurden kurz meine bevorzugte Plattform, da hier einiges an Software von Korg landete. Wer sich ein klein wenig mit Musik auseinandersetzt, dem dürfte diese Firma mehr als nur ein bisschen was sagen – so manch legendärer Synthesizer stammt aus dem Hause Korg und die Dinger sind SO gut, dass sie nicht nur die 80er überlebt haben, sondern bis heute in zig Produktionen zu hören sind.

„Korg DS-10“ war hier meine erste Software dieser Art – und überforderte mich direkt massivst. Tausend Regler, Sinuswelle oder doch eher Sägezahn? Ach, die Rückseite von dem Kasten kann ich auch anzeigen lassen, und wenn ich die (virtuellen) Kabel von hier nach da verbinde, dann klingt alles noch mal ganz anders? Na herrlich – keine Ahnung von irgendwas, aber hey, manchmal klangen diese Experimente sogar tatsächlich ganz nett! Auch, wenn das jetzt anders wirken mag: DS-10 ist eine wirklich fantastische, virtuelle Nachbildung eines wirklich großartigen, klassischen Synthesizers – nur leider hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Erfahrung mit solche einer Maschine machen dürfen. Fest stand nur: Das funktioniert doch deutlich anders als das, was ich bislang von der Music-Reihe kannte. Einfach nur der Vollständigkeit halber sei daher „Korg MD1“ erwähnt, welches ich für den 3DS holte und was mich nicht weniger verwirrte. So sehr ich mich also über jeden Release freute und auch gerne zuschlug, da mir die Idee als solches den Support wert war, kam doch nie ein wirklicher Workflow zustande.

Jetzt: Kork Gadget
Offenbar hab ich dann doch genug Geld für alles irgendwo hin geworfen, dass nur für mich (NUR für mich!) tatsächlich doch noch neue Software produziert wird, und so landete dann letzten Endes auch Korg Gadget im eShop der Nintendo Switch. Hierbei handelt es sich um einen Port selbiger Software vom iPad, die mich tatsächlich reichlich begeistern konnte. Simpel gesagt: Bei den „Gadgets“ handelt es sich um eine Vielzahl unterschiedlicher Geräte, von Drum Machines über Synthesizer, welche realen Geräten nachempfunden wurden. Hier ein paar Kicks und HiHats, da ein bisschen Bass, alles arrangieren, läuft. Eine zwar anfangs ungewöhnliche Digital Audio Workstation, aber gerade die Vielzahl und Flexibilität der teils sehr unterschiedlichen Gadgets sowie der extrem angenehme Workflow machen das Ding gerade für mich zu einem Highlight.

Um das jedoch direkt auch vorweg zu nehmen: Wer interessiert ist und über die passenden Geräte verfügt, dem rate ich dringend von der Switch-Fassung ab – nehmt stattdessen die Variante für iOS. Irgendwer hielt es nämlich für eine schlaue Idee, dass man heutzutage keinen Export als Audiofile auf eine SD-Karte machen möchte, ebensowenig Export über irgendein beliebiges Online-Ding, und wenn schon eingeschränkt, dann auch einfach ein paar Gadgets weglassen. Nämlich alle, wo eigene Samples genutzt werden könnten. Müsste man ja sonst über die SD-Karte oder irgendein Online-Ding machen, wer nutzt sowas schon. Ja nun. Wer (wie ich in dem Moment) zu viel Geld hat darf auch einen Blick auf die Mac-Fassung werfen. Die kostet zwar mit irgendwas um die 300$ nicht wenig (wenn nicht gerade im Sale), bietet dafür allerdings auch alle Gadgets (welche als Plugin zudem in allen möglichen anderen DAWs genutzt werden können) – auf iOS sind hier nur die knapp 10 Standards dabei, weitere Gadgets kosten dann extra. Klingt doof, doch: Wer weiß, was er machen will, kommt hier mit insgesamt rund 30-50€ wunderbar günstig mit weg, insbesondere im Vergleich eben mit anderer, professioneller Software.

Doch zurück zum springenden Punkt und roten Fäden: Gadgets war auf ein mal mein „place to be“. Es hatte viel, was ich von den älteren Music-Teilen kannte, jedoch eben auch die ganzen virtuellen Geräte, wie sie mir auf dem (3)DS untergekommen waren. Hier jedoch deutlich intuitiver und da, wo nicht selbsterklärend, dann doch so angenehm gebaut, dass mir bislang noch bei jedem Gerät schnell klar wurde, was ich wie wo umsetzen kann. Soll heißen: Nach den ersten Anfängen vor 20 Jahren, welche jahrelang ein großes Experiment bleiben sollten, war ich nun also endlich an den Punkt, wo dann nicht alles nur als „Konzept“ mit fortlaufender Nummer enden sollte. Stattdessen hatte ich jetzt sowohl die passende Hardware als auch Software, um Dinge konkret umsetzen zu können – und an Ideen mangelt es mir eindeutig nicht.

„Look mum, I made a EP!“
Was lange währt, wird endlich gut? Die Beurteilung überlasse ich anderen, ich bleibe dabei, einfach nur mein Ding zu machen. Immerhin kann ich aber jetzt ein Lifegoal von meiner Liste streichen: Auch, wenn ich bislang mit dem Zustand „Experiment“ wirklich zufrieden war, war der Reiz, eine eigene Platte zu veröffentlichen schon immer vorhanden. Ich rede mich jetzt also einfach damit heraus, sehr, sehr, sehr lange geübt zu haben, ok?

Diese EP mag ich keinem gezieltem Genre zuordnen. Bin selbst kein Fan von solchen Kategorien und mag meine Kreativität gerne austoben, ohne mich an solche Schubladen halten zu müssen, deutliche Inspiration findet sich allerdings schon. Da die jedoch reichlich variantenreich ist folgen jetzt also zu den einzelnen Songs ein paar Gedanken.

Minayosh
Gebt mir keine Sampler. Nach all den Jahren hab ich endlich mal (virtuell) so’n Ding in die Finger bekommen und direkt gemerkt, dass genau das exakt mein Ding ist. Ich nehm irgendwas, mach hundert kleine Stücke draus, lege die auf ein paar Tasten und dann drücke ich da SO lange drauf rum, bis alles geil wird. Hat hier eindeutig geklappt und ist tatsächlich mein erster Versuch gewesen, einen „richtigen Song“ zu liefern. Zum dem Sampler („Bilbao“ ist Liebe in virtueller Tastenform) gesellt sich dann hier noch „Gladstone“, ein Drum Computer mit wunderbar echten Drumsounds. Alles in allen fügte sich hier einfach jedes Stück dermaßen stimmig zusammen, dass dieses kleinen Puzzle innerhalb von gerade mal 2 Tagen komplett fertig war.

Moods Come
Leicht orientalisch angehauchte Klänge mag ich ja tatsächlich extrem gerne. Mag wohl daran liegen, dass ich hier mitten im Ruhrpott nicht gerade wenig von diversen arabischen Klängen und Ähnlichen beschallt werde, für mich eindeutig ein dicker Mehrwert. Kombiniert das mit der Tatsache, dass manche Lieder einfach mittendrin entscheiden, doch in einer ganze andere Richtung zu wollen, und garniert alles mit „Kind der 90er hat zu viel Techno gehört“ und ihr wisst, wie das hier entstanden ist. Manchmal ergibt das sogar alles Sinn.

Overtuned
Gedanklich bitte mal kurz in die Menü-Musik eines Ridge Racer, Lumines oder Jet Set Radio denken – und dann die total schrägen Samples wild durcheinander würfeln und solange an allen Reglern drehen, bis Jack Nicholson (aus Mars Attacks!) euch anschreit, endlich die Fresse zu halten. Alles kurz mit ein paar Drums würzen, die ihr durch die 8bit-LoFi-Waschstraße geschickt habt, fertig. Mag ich. Sehr sogar. Eindeutig einer der Songs, die mir selbst mit am meisten Spaß beim kreieren gemacht haben.

Slow Filling
Ein Vinyl-Störsound als Loop kombiniert mit drei Kickdrums, welche liebevoll mit viel zu viel Hall und viel zu viel Bass übereinander geschichtet sind. So weit, so gut. Wenn ich eines von all den Jahren experimentieren gelernt habe: Es macht unfassbar viel Spaß! Und manchmal bekomme ich eine 70er Soul-Gitarre dann auch SO verstellt, dass sie diese kleinen, melodiösen Störsounds ergibt. Geräusche sind eine spannende Sache. Dieser Track fällt eindeutig in die Kategorie „experimentell“, was für mich persönlich allerdings extrem positiv ist. Manchmal wird nämlich, wie in diesem Fall, sogar ein ganzer Song daraus.

Too Late
Prinzipell Minayosh sehr ähnlich, allerdings mit dem Schwerpunkt hier auf „schönes Sample“. Hierzu habe ich dann mal „Vancouver“ genutzt. Einfach gesagt nimmt das Gadget zwei Klänge, fusioniert diese zu einem Klang, und bietet mir obendrauf dann die Möglichkeit, diesen dadurch entstandenen neuen Sound beliebig über ein Piano als Melodie einzuspielen. Das klang dann tatsächlich auch so angenehm, dass ich hier nur noch ein bisschen seichtes Schlagzeug drunter legen musste – insgesamt war das Ding nach gerade mal einer Stunde fertig. Simpel, kurz, aber so stimmig, dass ich dachte: Alles, was ich hier ändere, macht nur was kaputt, also einfach so lassen!

We Meet Again
Schon mal wer mitbekommen, dass ich die Silent Hill Soundtracks sehr mag? Ich hab’s spätestens dann selbst gemerkt, als dieser Song fertig war. Ich maße mir nicht an, mich mit Yamaoka zu vergleichen – aber zumindest die generell Idee eines solchen vergleichbaren Accoustic-Rock-Songs, den bekomme ich offenbar hin. Kurze Selbstkritik: Ich hätte gerne einen schöneren Bass gehabt, der natürlicher klingt – besitze allerdings keinen, insofern hab ich mein aktuell Bestes gegeben, ihn trotzdem so klingen zu lassen. Für zukünftige Produktionen wird da wahlweise entweder selbst was angeschafft (und nebenbei gelernt, alles so ganz nebenbei…) oder ich lasse mir da was einspielen. Ist ja zum Glück nicht so, als würde ich nicht 2-3 Leute kennen.

Und nun?
Reichlich Ideen, die ich für die EP verworfen habe, liegen noch auf der Platte. Reichlich kleinere Loops, die ich so zwischendurch gebastelt habe, könnte ich zu vollwertigen Songs ausbauen. Und dieses und jenes und überhaupt. 20 Jahre basteln haben dann doch einen Nebeneffekt – ich weiß ziemlich genau, wohin ich will. Ich weiß, wie ich dahin will. Und ich weiß, was ich noch ausprobieren möchte. Schauen wir mal, mein Plan ist jedenfalls, dass diese EP nicht nur ein „one hit wonder“ bleibt. Weiteres kommt. Ob das jetzt eine Drohung oder ein Versprechen ist… nun, über Geschmack kann man nicht streiten, nicht wahr? Ich habe auf jeden Fall eindeutig meinen Spaß hier – wie schon seit 20 Jahren. Dieses mal dürft ihr nur zum ersten Mal auch direkt daran teilhaben. Bleibt mir nur zu hoffen, dass ihr sowohl an der EP als solches, als auch an diesem „bisschen Hintergrund“ Gefallen findet.

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