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Wandern, wandern, wandern. Was Spiele angeht bin ich doch recht oft und weit unterwegs. Gerne zu Fuß, virtuell wie auch real – Schnellreisen ist für Leute, die nicht genießen wollen und in der echten Welt laden Flohmärkte und Co. zum spazieren ein. Einen Weg bin ich nun zum letzten Mal gegangen.

Wisst ihr noch, wie das früher war, als man nicht alles zocken durfte? Alles, auf dem die magische „16“ prangert ist einfach DER heiße Scheiss und alles andere höchtens ok. Selbst das gibt man aber lieber nicht zu, wäre ja nicht cool. Kommt man dann eben jener Zahl des Alters langsam selber näher folgt direkt die nächste Zielmarke – entweder es ist „ab 18“ oder nicht erwähnenswert.

Zumindest einen Teilsieg in der Disziplin cooles Kind konnte ich damals erringen: In meinem Freundeskreis war ich lange Zeit der einzige, der eine eigene Videothekenkarte besaß. Im Laufe der Zeit wurde diese Videothek dann zu einem Feel Good Tempel – hier nimmt man Dinge mit, die Spaß machen, wahlweise alleine oder mit Freunden.

Wenig Orte bieten wohl so wenig direkten Spaß und brennen sich doch so sehr in’s Herz. Dementsprechend lieh ich so ziemlich alles aus, was man überhaupt ausleihen konnte: Filme, Musik – und vor allem Spiele. Spiele, Spiele, Spielespielespiele. Ich glaube, ich habe fast jedes Snes – Game zumindest mal angespielt, was hier verfügbar war.

Ich erinnere mich kurz an dem Moment zurück, wo ich gebannt vor Mega Man X sitze. Es ist irgendein Montag, Nachmittags, und Muttern will die Filme vom Wochenende wieder zurückbringen. Wer nicht zurückspult (Hallo, VHS-Kassetten) muss eine Mark Strafe zahlen, also wird darauf ordnungsgemäß geachtet bei uns. Da sitze ich also nun, Muttern hat bereits die Jacke an, und auch mein Spiel soll ja wieder zurück. Ich schalte die Konsole aus, nehme das Spiel raus – und Mutti fragt, ob ich das nicht noch zurückspulen muss. Ein amüsanter, kleiner Moment der Rührung, als ich das ganze Ausmaß der technischen Unverständigkeit meiner Mutter begreife. Hach.

Pads werden ausgeliehen, ganze Konsolen, weil für den Kauf das Geld fehlt. Discs über Discs, mindestens tausend Cartridges werden geliehen, zurückgebracht, teilweise erneut geliehen, in fremden Spielständen gestöbert. Später folgen konsolerische Lan-Partys, welche ohne die entsprechende Menge doppelt und dreifach geliehener Spiele nie stattgefunden hätten – sagte ich schon, dass die Videothek ein Feel Good Tempel ist?

All die schönen Gänge wurden seltener. Warum eine DVD ausleihen, wenn ich doch grade auf Netflix schon 5 Serien gleichzeitig schaue und mich dafür nicht bewegen muss? Steamsales sorgten schon vor Jahren dafür, das Pc-Games quasi nicht mehr existent waren in den Räumen meiner Videothek. Filme, die grade rausgekommen waren, konnte ich ohne vorbestellen immer häufiger auch am Samstag Abend noch kurz vor Ladenschluss ausleihen. Ich war nicht der einzige, der diesem einst tollem Ort immer mehr den Rücken kehrte und die meiste Zeit dort nur noch mit schauen verbrachte und um ein paar Worte mit den netten Leuten zu reden, welche einem irgendwie schon das halbe Leben kennen.

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Ein Tribut des digitalen Zeitalters – ich bin ein Teil des Problems, wobei ich vergleichsweise noch hartnäckig meine Retail-Versionen liebe und weitgehend auf digitales Verzichte. Vom schauen und nett-reden kann aber leider kein Laden seine Miete bezahlen. Gestern folgte ein letzter Gang, ein letztes, nettes Gespräch. Was bleibt am Ende? Eine handvoll Spiele zum Ramschpreis – des einen Leid, des anderen Freud. Viele Jahre habe ich so manche Wanderung gemacht. Mach’s gut, kleine Videothek, ich werd dich vermissen. Ab jetzt wander ich für Spiele nur noch zum Flohmarkt.

 

Dieser Beitrag ist Teil von #gamephilephoto, mein ganz eigenes, kleines Blogprojekt.

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