Ingress – Paranoider Wiederstand

Games neg

Es ist halb 1 in der Nacht. Die Bürgersteige sind längst hochgeklappt. Leere Straßen. Wolken ziehen am dunklen Himmel ihre Bahnen. Regen liegt in der Luft. Es ist kalt.

Ich ziehe den Reisverschluss meiner Jacke ein wenig höher. ‚Wart mal kurz‘, sage ich. ‚Ich muss mal eben hacken.‘ Eine mechanische Stimme sagt mir, dass jemand in den Channel kommt. „N’abend! Oh, ist der Red wieder unterwegs?“ Natürlich bin ich das. Irgendwer muss es ja machen. Sonst werden hier überall die XM verteilt, wer weiß schon, was die alles anrichten. ‚Ja‘ sage ich, nach einer kleinen Pause füge ich hinzu: ‚Fuck, wieder nur Kacke bekommen. Egal, hier sind ja noch’n paar Portale.‘

Es ist halb 1 in der Nacht. Der Regen lässt noch auf sich warten, während ich durch die Gegend laufe und meine mobile Datenflat mit einem Teamspeakbesuch ordentlich ausreize. Portale, XM, Hacks… Ingress lautet das Spiel. Eines von dieser „GPS-based Augmented Reality“ – Sorte. Und es macht Spaß. Also ‚Spaß‘ – wenn man halt um halb 1 Nachts nicht besseres zu tun hat. Ich hab nichts besseres zu tun. Irgendwer muss es ja machen.

[youtube http://youtu.be/92rYjlxqypM]

Die Story hinter dem Spiel ist relativ simpel: Es wurde eine neue Energieform entdeckt, sogenanntes Exotic Matter, kurz XM, welches durch Portale dringt. Zwei Parteien versuchen nun, diese Portale für ihre jeweiligen Ziele einzunehmen. Die Enlightend wollen diese Energie nutzbar machen und reden vom großen Heilsbringer, während die Resistance um die Menschheit fürchtet und genau das verhindern will. Aktuell noch in der Beta, nur für Android erhältlich und nur via Invite¹ spielbar.

Ingress hat, von den paar AR-Games die ich bisher gespielt habe, einen entscheidenden Vorteil: Es ist in der Tat ein Teamspiel – allerdings kann ich auch mal alleine eine Runde drehen.

Portale finden sich überall (mehr oder weniger, auf dem Land dürfte sich wenig finden), wo sie eingereicht wurden. Geschickt von Google – die Portale im Spiel sind allesamt mehr oder weniger sehenswürdige Sehenswürdigkeiten und werden von den Spielern selbst eingereicht. Das Spiel präsentiert sich als Google Maps – Overlay und die Firma freut sich über viele tolle Daten. Wer geht wohin, wo geht die Post ab und was ist toll – ich bekomme ein Gratisspiel und Google die Gratisdaten. Ich bin zum Glück kein Datenschutznazi und sowieso Öffentlichkeitsgewohnt, für mich also ein fairer Deal. Weil’s Spaß macht.

Was jetzt daran gute Laune verursacht? Der Weg ist schon das Ziel. Ich bin aktuell auf L4, Punkte gibt’s für erfolgreiche Hacks, wenn man feindliche Portale zerstört, für das einnehmen freier Portale, für das verlinken von Portalen und das erstellen von Feldern (Links zwischen drei Portalen). Es ist für mich schon eine schöne Befriedigung, „meine“ Stadt in „unserer“ Hand zu sehen.

Was allerdings noch ganz groß dazu kommt: Ingress ist ein Teamspiel. Man „kann“ alleine seine Runden drehen – wirklich weit wird man damit allerdings nicht kommen, und erst recht nicht sehr schnell. Im Spiel integriert ist ein Chat. Ständig kommen hier Nachrichten rein. „Portal soundso wird angegriffen, kann mal wer rechargen?“ – „Ich kann nich dahin linken, hat mal einer’n Key von dem Portal?“ – „Bin grad hier in sowieso, ist wer in der Nähe?“

Wer Erfolg haben will, MUSS letzten Endes auch mit anderen kooperieren. Selbst ein Spieler der höchsten Stufe, Level 8, kann alleine kein Level 8 Portal erstellen. Pro Portal können 8 Resonatoren eingesetzt werden – ein L8-Spieler darf pro Portal allerdings nur einen L8-Reso benutzen. Vom Level des Portals hängt wiederum dessen Reichweite ab, L8 Portale können durchaus mal halbe Länder bedecken. Ein L2 – Portal hingegen kommt alleine nur auf ein paar hundert Meter. Größere Links und größere Flächen bedeuten gleich mehr Punkte und so weiter – nur, wer lernt mit anderen zu spielen, kommt hier weiter.

Dieses Teamfeature hat dabei dann auch gleich einen anderen Nebeneffekt: Man kann nette Leute treffen. Ich selbst habe mich nach meiner ersten Woche spontan mit jemanden getroffen, der eigentlich aus Frankfurt kam und nur zufällig auf der Durchreise war. Netter Kerl.

Dieser nette Kerl gab mir direkt auch einen wichtigen Hinweis: „Du wirst paranoid.“ Auf mein ’noch mehr, als ich es schon bin?‘ bekam ich folgendes zur Antwort: „Nein, ich meine WIRKLICH Paranoid. Als du im Chat geschrieben hast, dass du in einer Minute hier bist, hab ich mich umgeschaut, ich wusste ja nicht aus welcher Richtung du kommst. Jedenfalls, ich hab in die Richtung dahinten geschaut und hatte auch einen Kopfhörer raus. Und da kam so’n älterer Typ lang. Und ich wollte grade wegschauen – da hört ich von seinem Smartphone „XM collected“ – HA! Wusste ich’s doch, auch ein Spieler!“

Zugegeben, ich habe geschmunzelt. Mittlerweile grinse ich da nicht mehr. Er hatte einfach verdammt Recht.

Wenn man an einem hübschen Frühlingstag im Sonnenschein am Teich spazieren geht, grade ein Portal gehackt hat – und dieses dann angegriffen wird… Und einen Typ vor sich sieht, der total zufällig die ganze Zeit auf sein Smartphone sieht… Nun, er hat’s versucht. Er hat mich nicht bemerkt. Zumindest nicht am Anfang. Er schien allerdings sehr verwundert, warum das Portal sich jedes mal wieder auflud nach seinen Angriffen. Als er nach dem vierten Versuch dann doch mal einen kritischen Blick um sich warf, hab ich ihm nett angelächelt, zugenickt, gewunken und bin weiter gegangen. Der Blick war unbezahlbar. Das Portal hat er den Tag übrigens nicht mehr eingenommen.

AR-Games sind eine interessante Sache. Und wenn sie schon nur dazu gut sind, dass man als braver Konsolero doch mal die eigenen vier Wände verlässt. Immerhin – ich hab ja auch einen 3DS, den kann ich mitnehmen. Schrittzähler und so, gibt schließlich auch Punkte. Ich bleib halt Nerd. Und Nachts sind ja eh die Bürgersteige hochgeklappt. Viva la resistance!

¹Wer einen Invite für das Spiel möchte, stellt einfach eine Anfrage auf der Ingress-Seite. Die Antwort sollte aktuell zwischen 2-4 Wochen warten, dann darf man loslegen.

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