52 Games neg

Uhlala, die Liebe, was ein schönes Thema. Herzchen kotzen, wenn Tidus und Yuna bei Final Fantasy X rumknutschen, die wirklich tolle (Bett-)Szene mit Lucas und Carla bei Fahrenheit und ein kleiner, allseits bekannter Klempner, der regelmäßig seine Prinzessin rettet – nichts von all dem soll hier heute Thema sein. Das habt ihr euch wohl so gedacht, was?

Die Liebe… Was ist das eigentlich? Liebe, das ist Zuneigung. Das ist etwas, wovon wir immer ‚mehr‘ wollen, ohne das wir nicht auskommen möchten. Liebe ist etwas Grundlegendes, obwohl sie doch eigentlich nicht zum überleben wichtig ist wie das Atmen. Und doch, ohne sie können wir nicht.

Die erste große Liebe vergisst man nicht. Diese erste Erfahrung, dieses erste verliebt sein – da kriegt jeder doch ein wenig glasige Augen, wenn er an diesen Moment denkt. Liebe muss nicht zwingend die Zuneigung zu einer Person sein, wir können uns auch in gewisse Dinge verlieben, in Musik, in eine Geschichte, in eine Fiktion – in ein Videospiel.

Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich da so als erstes überhaupt gespielt habe. Ich kann mich noch an irgendwas erinnern, das wohl so was wie Formel 1 darstellen sollte. Ich saß damals bei einem Freund und spielte also mit… Ja, mit was eigentlich? War es ein C64? Daran kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Ich weiß halt noch, dass ich dieses Rennspiel einfach nicht so besonders spannend fand. Der hatte auch noch was anderes, da musste ich mit so einem kleinen Typen eine Frau retten. Die war nämlich von einem Affen entführt worden, war aber auch nicht so toll, mit der Tastatur hatte ich da keine große Freude dran. Wenn ich mich recht entsinne, wurde der Kleine dann später Klempner, aber lassen wir das.

Das erste mal, das ich direkt zwei – drei Stunden vor einem Videospiel saß, war da schon spannender. Mir war damals nicht bewusst, das ich eben jenen kleinen Klempner wieder steuerte, aber der Spaß mit Super Mario Bros. war tatsächlich groß. Ich habe da mit einen Jungen gespielt, war so der übliche Verwandschaftsbesuch, wo man dann mit „den anderen kleinen“ halt irgendwo geparkt wird, in diesem Falle vor einem NES. Ich kann mich nicht im geringsten daran erinnern, wie dieser Typ hieß, mit dem ich da jetzt hockte. Wir hatten auf jeden Fall stundenlang Spaß daran, diesen Typen mit dem Schnauzbart und der roten Mütze über den Bildschirm zu jagen.

Ich spule mal ein wenig vor. So gegen Ende 91, Anfang 92 gab es dann diese große Überlegung zuhause. Dieses tolle elektronische Spielzeug, das ist ja schon was. Irgendwo her hatten wir eine Weile dann ein NES, dazu einige Spiele. Und so spielte ich mit meinem Stiefvater die eine oder andere Runde Nintendo World Cup Soccer, freute mich, diesen Mario wiederzusehen und dann war da noch dieses komische, aber irgendwie total witzige Spiel mit den beiden Schlangen, die immer ganz viel fressen mussten und… Ach, eigentlich hab ich das gar nicht so genau verstanden, was man da jetzt genau machen muss, aber es hat Spaß gemacht. An dieser Stelle werfe ich nur kurz ein, dass ich Jahre später eben jenes Snake Rattle ‚N Roll zufällig fand und seitdem auch nie wieder hergeben werde. Fantastisch!

So, wo war ich? Genau, NES, Spielzeug. Die Idee war also: Wir kaufen eine Konsole. Das NES machte Spaß, ohne Frage. So teuer war das ja auch gar nicht mehr. Holt man sowas? Mit mir wurde das natürlich nicht groß diskutiert, insofern bekam ich das nur am Rande mit. Das NES verschwand, eine Weile dachte ich nicht mehr groß darüber nach – bis dann, tada, 92 da dieser Karton stand. Nun, 3 Kartons. Super Nintendo + Super Mario World, ein zweites Pad, Super Mario Kart. Weihnachten, Ostern, Geburtstag fielen plötzlich auf ein und demselben Tag!

Ich komme langsam zum Punkt, keine Sorge. Da saß ich nun also und war hin und weg. Auch  mein Stiefvater war, zum Leid meiner Mutter, nicht bedeutend weniger begeistert, und so gingen viele Nachmittage mit fröhlichen Kartfahren und rumgehüpfe drauf. Dann kam ein Moment, der für mich sehr prägend sein sollte: Ich kaufte mir mein erstes eigenes Spiel für meine erste eigene Konsole. Dankbarerweise (anwesende Pädagogen lesen jetzt mal weg) interessierte es meine Eltern nicht so sehr, was ich da eigentlich kaufte – ist ja alles nur Spielzeug.

1992. Da war ich 10 Jahre alt. Da war ich also… grade in der Realschule. Und ich war der King! Hand auf’s Herz – wer von euch war, in dem jungen Jahren, damals schon Besitzer von Street Fighter II? Na? Seht ihr, so wurde ich von einem auf dem anderen Tag also der KING in der Klasse. Bei mir gab’s immerhin dickes Backenfutter auf dem heimischen Tv, das durften die andere nicht! Schlüsselelement 2 also abgeschlossen. Videospiele machen Spaß hatte ich schon kapiert, jetzt kam der Coolnessfaktor dazu. Was dann folgte, hätte allerdings vermutlich wohl niemand so vorhersehen können.

Wir haben immer noch ’92. Taschengeld in der Hand, ab nach Karstadt. Damals gab’s hier noch das große lokale Kaufhaus, die erste Anlaufstelle für Videospielbegeisterte zu der Zeit. Mal die Packung in die Hand, mal jene Packung in die Hand, ich wollte Geld ausgeben. Irgendwann war die Entscheidung getroffen, dieser eine Packungstext klang interessant, die Bilder waren hübsch, das Logo sah auch toll aus, damals waren Kaufentscheidungen irgendwie noch einfacher.

Wieder zuhause, Modul rein, Snes an – Spannung. Ich lese irgendwas von Weisen, die etwas uraltes Böses versiegelt haben. Eine Geschichte von einem Land, was zu retten ist. Gut, total spannend, und jetzt lass mich zocken! Da, Regen, nein, Gewitter, eine Stimme erzählt irgendwas von einem Verließ, mein Onkel verlässt das Haus. Ich schleiche ihm nach, durch den strömenden Regen, Richtung Schloss. Ein kleiner Weg neben der Mauer, unter einem Busch ein Loch, ein Geheimgang…

Viele dürften hier schon bereits The Legend of Zelda – A Link to the Past erkannt haben. Meine Geschichte ist jedoch noch nicht ganz am Ende angekommen.

Ich stürzte mich mutig in dieses Abenteuer, besiegte die ersten 1-2 Bossgegner – schönes Spiel! Immer weiter ging die Geschichte, bis dann mein Weg in den Wüstentempel führen sollte. Und da hing ich dann erst einmal kurz fest.

Eine Steintafel versperrte den Weg – mit leider unverständlichen Zeichen. Auf der Suche nach Hilfe wurde ich dann bei den Ruinen fündig, der Weise Sahasralla gab mir die Pegasusstiefel und ich bekam den Tipp, mich in der Bücherei umzusehen. Gesagt, getan, fiel mir hier nach einem freundlichen Regalrempler das Buch Mudora vor die Füße. Damit sollte ich nun also dieses mysteriösen Schriftzeichen entziffern können. Na dann, auf geht’s! Wieder in die Wüste, zurück zur Steinplatte. Buch in die Hand, Übersetzung lesen:

„Sprich vor dieser Steinplatte einen Wunsch aus! Wirst du erhört, öffnet sich der Weg.“

Ein kleiner Pixellink nimmt seine Mütze in die Hand und schaut gen Himmel, die Hände brav gefaltet spricht er wortlos seinen Wunsch aus. Alles um in herum wird ausgeblendet, nur ein Lichtschein fällt auf in herab, leise Musik ertönt. Und zum ersten mal passiert etwas besonderes: Ich lege mein Pad hin und tue – nichts.

Etwas war in diesem Moment passiert. Mir wurde klar, dass, zu einem gewissen Teil, ich da grade sitze. Ich war derjenige, der überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass dieser kleine Junge auf dem Bildschirm da grade sitzt und sich was wünscht. Ohne mich würde dieses ganze Abenteuer überhaupt nicht stattfinden. So etwas konnte mir kein Film liefern, kein Buch konnte mir eine Geschichte auf diese Art erzählen, weil ich sie gewissermaßen selbst erzählte. Ich erlebte nicht nur etwas nach, was sich jemand ausgedacht hatte, sondern ich nahm aktiv daran teil. Kein Medium, ausser eben diesem, wäre dazu jemals in der Lage. Dieser eine Moment, wo Link vor der Steinplatte in der Wüste hockt, war ‚mehr‘ als das, was ich bisher erlebt hatte. Dieser Moment war kostbar, diesem Moment musste ich genießen. Und eben in diesem einem Moment habe ich mich verliebt in ein Videospiel.

Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gegangen. Konsolen verschwanden, neue tauchten auf. Spiele wurden aufwändiger, mein Geschmack spezieller. Mittlerweile wähle ich kaum ein Spiel nur wegen seiner hübschen Packung aus und Taschengeld kriege ich auch schon länger keines mehr. Was bleibt, ist die Suche nach diesem Moment. Auf dieser Suche hab ich mittlerweile mal eben so über 350 Spiele hier angesammelt – in jedem sitze ich irgendwie irgendwann mal vor einer Steinplatte und wünsche mir was. Irgendwie, irgendwann, werde ich diesem Moment wieder finden, jedes mal auf neue, mal mehr, mal weniger eindrucksvoll. Was auf jeden Fall unvergessen bleibt, ist meine Erinnerung an meine erste große Liebe.

52 Games ist ein Blogprojekt von Zockwork Orange.

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